Stellungnahme „PFEIL-Harburg e.V.“ zum Fall „Dennis“

Recht ist nicht automatisch richtig!

Nach dem Urteil des Oberlandesgerichtes Celle im Fall „Dennis“ im Juni scheint Ruhe eingekehrt zu sein, eine trügerische Ruhe: PFEIL-Harburg kann und wird sich nicht mit der Situation zufrieden geben. Wir haben zunächst der Familie „Schneider“, „Dennis“ Pflegeeltern, etwas Zeit lassen wollen, aber viele unserer Mitglieder sind empört und erschüttert über die jetzt entstandene Situation und möchten diese Stimmung zum Ausdruck bringen.

Das Pflegekind Dennis, das seit dem fünften Lebensmonat bei seinen Pflegeeltern aufgewachsen war, war nach jahrelangem Streit um die Umgangsrechte der Herkunftsfamilie im Alter von sechs Jahren auf Antrag des Jugendamtes in Winsen in ein Heim gekommen. Das Urteil des Oberlandesgerichtes manifestiert nun diesen dramatischen Zustand der inneren Zerrissenheit des Kindes zwischen Heim, Herkunfts- und Pflegefamilie, indem es den Verbleib im Heim als beste Lösung für Dennis anordnet. Dabei wurde „Dennis“ in den letzten Monaten zweimal vor Gericht befragt, wo er denn leben möchte und hat beide Male klar geäußert, dass er zurück zu seinen Pflegeeltern möchte. Eigentlich nicht verwunderlich, denn die sind die Eltern, die sich die letzten sechs Jahre liebevoll und fürsorglich um ihn gekümmert hatten. Es klingt fast zynisch, dass das Gericht sein Urteil unter anderem damit begründet, dass „Dennis“ den Wunsch zu den „Schneiders“ zurückzukehren nicht mit „ausreichendem Nachdruck“ geäußert habe! Es ist schon bemerkenswert genug, dass das sechsjährige Kind in zwei Anhörungen seinen Wunsch in Anbetracht der Situation vor Gericht so klar formuliert hat. Hätte es dann noch auf die Knie fallen müssen, um den nötigen Nachdruck zu zeigen? Offensichtlich hat das Gericht sich hier nicht wirklich entscheiden wollen und auf ein vermeintlich salomonisches Urteil gesetzt: Das Kind bleibt im Heim und hat Kontakte zur Herkunftsfamilie und zu den Pflegeeltern. Statt bei „seinen primären Bindungspersonen, die ihn lieben und die er liebt aufzuwachsen“ hält es das Gericht für wichtiger, dass es auf drei „Ressourcen“ zurückgreifen kann, Pflegefamilie, Herkunftsfamilie und Heimeinrichtung. Bei der Formulierung läuft es nicht nur Eltern und Pflegeeltern, sondern auch allen, die sich mit Bindungstheorien beschäftigen, eiskalt den Rücken runter. So müssten wir auch froh über jede Scheidung sein, da es für die Kinder ja durch neue Beziehungen der Eltern weitere „Ressourcen“ gibt. Wie fahrlässig wird hier für ein Pflegekind, das bereits einen Bindungsabbruch zu verarbeiten hatte, eine dauerhafte Unsicherheit geschaffen. Wie soll „Dennis“ je wissen, wo er hingehört?

Auch fällt es schwer das Urteil zu begreifen, wenn die Richter und das angefertigte Gutachten den Pflegeeltern eine hervorragende Erziehungsarbeit bescheinigen und gleichzeitig die damals vom Amtsgericht Winsen angeordneten unbegleiteten Umgangskontakte als falsch bezeichnen. Die Verweigerung eben dieser Kontakte durch die Pflegeeltern war ja der Grund für die Herausnahme des Kindes. Das Gericht bescheinigt im Nachhinein den „Schneiders“, sich zum Wohl des Kindes richtig verhalten zu haben, und doch haben Sie Ihr Kind und „Dennis“ seine Eltern verloren.

Der Grund, weshalb dieser Fall Pflegeeltern besonders betroffen macht, ist der, das er verdeutlicht, wie macht- und rechtlos Pflegeeltern in solch einer Situation sind und wie leicht jede Pflegefamilie ähnlich betroffen sein kann. Der Ursprung des Konfliktes mit dem heutigen tragischen Ausgang liegt in der jahrelangen mangelhaften Begleitung sowohl der Pflegeeltern als auch der Ursprungsfamilie durch das Jugendamt. Es hat hier in seiner originären Funktion versagt, eben diese Konflikte zu moderieren und vor allem der Herkunftsfamilie eine langfristige realistische Perspektive mit dem Kind aufzuzeigen. Dazu fehlt es immer noch an Personal. Der Verein PFEIL-Harburg hat dieses Mitgliedern aller Fraktionen des Jugendhilfeausschusses im April bei einer Info-Veranstaltung aufgezeigt. Derzeit fehlen 30% Personal im Pflegekinderwesen gemessen an dem vom Ausschuss 2011 verabschiedeten Konzept zur Vollzeitpflege.

PFEIL-Harburg e.V. wird sich nicht mit der Situation im Fall „Dennis“ abfinden, auch wenn Sie derzeit festgefahren scheint. Wir werden uns weiter für das Kind und seine Pflegeeltern einsetzten, weil wir das als unsere Verpflichtung sehen. Bestärken tut uns darin die ungebrochene Unterstützung vieler Pflegeeltern aber auch vieler entsetzter und betroffener Bürger, die uns auffordern nicht locker zu lassen, denn Recht ist nicht automatisch richtig!

Solidaritätskundgebung für das Pflegekind “Dennis” am 28.12.12 vor dem Kreishaus in Winsen

Presseerklärung (weiter unten, auch als PDF-Download)
Impressionen von der Veranstaltung
Eröffnungsrede / Dank an die Gäste durch  Götz Gerke, Vorstand PFEIL-Harburg e.V. (Videolink)

Solikundgebung Winsen 2012

Presseerklärung zur Kundgebung „Gute Vorsätze für Pflegekind Dennis“

Mit der heutigen Kundgebung erinnert PFEIL-Harburg e.V. an das sechsjährige Pflegekind „Dennis“, das auf Betreiben des Jugendamtes Winsen vor einem halben Jahr aus der Pflegefamilie, die Mitglied in unserem Verein ist, herausgenommen und anschließend in einem Heim untergebracht wurde. Mit der Herausnahme des Kindes endete die Pflegschaft der Pflegeeltern, die sich in den vergangenen sechs Jahren vom Säuglingsalter an um das Kind gekümmert hatten. Damit verloren sie alle Rechte auf Umgang mit „ihrem“ Kind. Inzwischen haben Sie sich begleitete Umgangsrechte (eine Stunde pro Woche im Jugendamt) gerichtlich erstritten. Dennis äußert regelmäßig den Wunsch, zu seinen Pflegeeltern zurückzukehren, zuletzt vor Weihnachten bei Anhörung vor Gericht.


Wenn verantwortliche Menschen nicht beginnen zu handeln, wird die juristische Auseinandersetzung zu Lasten des Kindes wohl noch lange weitergehen, denn offensichtlich müssen Gerichte Entscheidungen treffen, für die zuvor niemand die Verantwortung übernehmen wollte. Gerichte wiederum sind in Spezialfragen nicht immer kompetent genug und holen deshalb Gutachten ein. Diese werden dann angefochten und so geht es lange weiter – mit zweifelhaftem Ausgang.

Die derzeitige „Lösung“ des Konfliktes zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie besteht darin, beiden das Kind zu entziehen – auf Kosten des Kindes. Das kann und darf so nicht sein! Ein Kind, das die ersten sechs Jahre seines Lebens gut behütet in einer Familie verbracht hat, hat dort seine Heimat.

Unser Appell gilt deshalb wiederum und weiterhin an die Verantwortlichen im Jugendamt Winsen und den Amtsvormund, das Jahr 2013 mit guten Vorsätzen für des „Fall Dennis“ zu beginnen:

  1. Rücknahme der Herausgabebeschlusses, denn „Dennis“ war nie gefährdet bei seiner Pflegefamilie, die sich nach bestem Wissen schützend vor ihn gestellt hat.
  2. Beginn der Arbeit mit der Herkunftsfamilie über realistische langfristige Perspektiven im Umgang und Kontakt mit „Dennis“. Dies ist das ursächliche Versäumnis, denn bei den aus Hamburg in den Landkreis vermittelten Kindern (wie auch „Dennis“) muss der Pflegekinderdienst gleichzeitig die Herkunftsfamilie betreuen, obwohl das vom Gesetzgeber so nicht vorgesehen ist. Der Konflikt für die Mitarbeiter, die Interessen der Pflegeeltern und gleichzeitig die der Herkunftsfamilie zu vertreten, ist kaum lösbar und Ursache des Scheiterns im Fall „Dennis“.
  3. Herbeiführung einer schnellen außergerichtlichen Einigung unter Einbeziehung der Wünsche des Kindes, verbindliche Regelung der Umgangsrechte der Herkunftsfamilie und enge Begleitung der Parteien.

PFEIL-Harburg e.V. wird einen solchen Weg gemeinsam mit den Pflegeeltern tatkräftig unterstützen.

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Supervisoren

In loser Folge werden wir an dieser Stelle eine Liste von Supervisoren erstellen, die von Mitgliedern des Vereins empfohlen wurden und/oder die sich auf einem Vereinstreffen den Mitgliedern persönlich vorgestellt haben.

Name Tel. Mail Web E G Emp V
Ulrich Pauls 04181-9230882 therapie@ulrichpauls.de www.ulrichpauls.de X X X 03.10.12
Ilse M. Günther 04161-53919 ilse.guenther@therapie-buxtehude.de www.therapie-buxtehude.de X X X

E = Einzel-Supervision
G = Gruppen-Supervision
Emp = Empfehlung durch ein Mitglied von Pfeil
V = Vorstellung auf einem Mitgliedsabend am XX.XX.XX

 

Nachlese zur Fortbildung “Vernachlässigte und traumatisierte Kinder”, 02.Juni 2012

Nachlese zur Fortbildung “Vernachlässigte und traumatisierte Kinder” am 02.Juni 2012 in Winsen an der Luhe
Autor: Götz Gerke für PFAD

Am Samstag den 02.06. veranstaltete PFEIL-Harburg e.V. zusammen mit dem Bundesverband der Pflegeeltern ein Tagesseminar mit dem Titel „vernachlässigte und traumatisierte Kinder in Pflegefamilien“ in der alten Stadtschule in Winsen. In seinem Grußwort an die ca. 60 teilnehmenden Pflegeeltern machte Winsens Bürgermeister Andre Wiese deutlich, wie wichtig deren Arbeit der für unsere Gesellschaft ist. „Sie nehmen sich der Kinder an, die bereits einen Bruch in ihrem Lebenslauf haben und geben ihnen eine neue Chance, Das verdient höchsten Respekt!“ Bürgermeister Wiese bedankte sich für den Einsatz der Pflegefamilien, der ja zumeist im Hintergrund und unbemerkt von der Öffentlichkeit 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche geleistet wird. Er freue sich, wenn sich solch engagierte Mitbürger auch zukünftig für Ihre Fortbildungen für Winsen entscheiden! Sie seien stets willkommen.

In den folgenden 7 Stunden führte Dipl. Psych. Kai Uwe Fock die Pflegeeltern ein in die besonderen Anforderungen die traumatisierte und vernachlässigte Pflegekinder an Ihre Pflegefamilien haben und wie diese so damit umgehen können, dass die Kinder sich bestmöglich entwickeln und die Familie dabei ein stabiler und sicherer Hort für alle Mitglieder bleibt. Am Anfang stand dabei die Definition einer Traumatisierung und die Auswirkungen für das Kind. Fock hob besonders auf das durch Traumatisierung und Vernachlässigung erhöhte Erregungsniveau betroffener Kinder ab. Dies zu erkennen und Strategien zu entwickeln damit umzugehen um Eskalation zu vermeiden war Inhalt des Nachmittages. So hatte am Ende jeder Teilnehmer seine eigenen Methoden zur De-Eskalation und langfristige Strategien zur Selbst-Regulation entwickelt.

Die Teilnehmer hoben besonders die authentische und praxisnahe Art des Vortragenden hervor sowie den intensiven Austausch mit „Gleichgesinnten“ , es gab ein durchweg positives Echo auf diese erste Fortbildung im Landkreis seit 10 Jahren.

Unterstützt wurde die Veranstaltung dankenswerter Weise durch Freunde der Kinder e.V. aus Hamburg, die sich mit bemerkenswertem Engagement um die 25 Kinder kümmerten, damit deren Eltern am Seminar teilnehmen konnten.

Offener Brief zur Situation des Pflegekindes “Dennis”

Am 11.Juli 2012 hat Götz Gerke im Namen des Vorstandes und der am 04.Juli anwesenden Mitglieder von PFEIL-Harburg e.V. folgenden offenen Brief verfasst und den Politikern aus Berlin und Hannover zugestellt, welche zu dem Fall bereits Stellung bezogen haben.

Update 17.07.2012.
Der Winsener Anzeiger (WA), das Hamburger Abendblatt und die Kreiszeitung/Wochenblatt haben den offenen Brief -im Rahmen eines redaktionellen Artikels- veröffentlicht. Siehe Medienberichte auf pfeil-harburg.de.

Offener Brief von Vorstand und Mitgliedern von PFEIL-Harburg e.V. zur Situation des Pflegekindes „Dennis“

Mit Erschütterung und Entsetzen verfolgen wir das Vorgehen vom Jugendamt Winsen und vom Vormund im Fall des Pflegekindes Dennis, das seit Wochen nun getrennt von seinen Pflegeeltern im Heim lebt. In einer beispiellosen Schuldumkehrung werden die Pflegeeltern, die sich fünfeinhalb Jahre liebevoll und mit Hingabe um das Kind gekümmert haben, jetzt ins Abseits gestellt. Die Pflegeeltern sind seit Gründung unseres Vereins Mitglied bei PFEIL-Harburg e.V. und vielen von uns persönlich bekannt. Wir stellen uns voll hinter die Pflegeeltern, die im Falle Ihres Pflegekindes sich vorbildlich und schützend vor das Kind gestellt haben, nach dem dieses keinen Schutz durch Vormund und Jugendamt mehr bekam.

Die Herausgabe des Kindes aus der Familie, die keineswegs freiwillig, sondern Ergebnis eines Herausnahmebeschlusses des Jugendamtes war, ist für sich schon traumatisch für das Kind. Skandalös ist es, dass jetzt den Pflegeeltern auf Betreiben des Vormundes jeglicher Kontakt zu dem Kind im Heim verwehrt wird, sogar die Briefe werden dem Kind nicht zugestellt!

Der Jugendhilfeausschuss hat in der vertraulichen Sitzung dem Jugendamt eine regelrechte Absolution erteilt: ohne vorherige Prüfung der Akten, ohne Anhörung der betroffenen Pflegeltern hat der Ausschuss mehrheitlich nach einseitiger Schilderung des „Sachverhaltes“ durch die Verwaltung dieser ein „stets am Kindeswohl orientiertes Verhalten“ bescheinigt. Mit Kenntnis der Pflegeeltern und des Sachverhaltes aus deren Schilderung erscheint uns diese Entscheidung vor dem Hintergrund, dass es hier um das Wohlergehen eines Kindes geht, außerordentlich zynisch.

In der Außendarstellung wird der Eindruck erweckt, es handle sich hier um einen besonderen Einzelfall besonders schwieriger Pflegeeltern. Dieser Darstellung widersprechen wir in aller Deutlichkeit. Es handelt sich hier keineswegs um einen besonderen Einzelfall. Viele der im Verein organisierten Pflegeeltern haben selbst ähnliche Erfahrungen mit Entscheidungen des Jugendamtes gemacht, die ausdrücklich nicht am Kindeswohl orientiert waren! Es waren eben solche Entscheidungen, die jahrelange Vernachlässigung des Pflegekinderwesens im Landkreis Harburg und die dauerhafte Mangelversorgung mit qualifiziertem Personal, die zur Gründung der Pflegeelterninitiative „PFEIL-Harburg“ geführt haben. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass jeder von uns leicht in eine ähnlich Situation geraten kann.

Wir rufen wie schon mit unserer Luftballon-Aktion alle Beteiligten in diesem Fall auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und sich wirklich für das Wohl des Kindes einzusetzen. Zu allererst gehört dazu ein Kontakt des Kindes zu seinen Pflegeeltern. Wir werden es nicht mit unserm Gewissen vereinbaren können in diesem Fall zu schweigen.