Offener Brief zur Situation des Pflegekindes “Dennis”

Am 11.Juli 2012 hat Götz Gerke im Namen des Vorstandes und der am 04.Juli anwesenden Mitglieder von PFEIL-Harburg e.V. folgenden offenen Brief verfasst und den Politikern aus Berlin und Hannover zugestellt, welche zu dem Fall bereits Stellung bezogen haben.

Update 17.07.2012.
Der Winsener Anzeiger (WA), das Hamburger Abendblatt und die Kreiszeitung/Wochenblatt haben den offenen Brief -im Rahmen eines redaktionellen Artikels- veröffentlicht. Siehe Medienberichte auf pfeil-harburg.de.

Offener Brief von Vorstand und Mitgliedern von PFEIL-Harburg e.V. zur Situation des Pflegekindes „Dennis“

Mit Erschütterung und Entsetzen verfolgen wir das Vorgehen vom Jugendamt Winsen und vom Vormund im Fall des Pflegekindes Dennis, das seit Wochen nun getrennt von seinen Pflegeeltern im Heim lebt. In einer beispiellosen Schuldumkehrung werden die Pflegeeltern, die sich fünfeinhalb Jahre liebevoll und mit Hingabe um das Kind gekümmert haben, jetzt ins Abseits gestellt. Die Pflegeeltern sind seit Gründung unseres Vereins Mitglied bei PFEIL-Harburg e.V. und vielen von uns persönlich bekannt. Wir stellen uns voll hinter die Pflegeeltern, die im Falle Ihres Pflegekindes sich vorbildlich und schützend vor das Kind gestellt haben, nach dem dieses keinen Schutz durch Vormund und Jugendamt mehr bekam.

Die Herausgabe des Kindes aus der Familie, die keineswegs freiwillig, sondern Ergebnis eines Herausnahmebeschlusses des Jugendamtes war, ist für sich schon traumatisch für das Kind. Skandalös ist es, dass jetzt den Pflegeeltern auf Betreiben des Vormundes jeglicher Kontakt zu dem Kind im Heim verwehrt wird, sogar die Briefe werden dem Kind nicht zugestellt!

Der Jugendhilfeausschuss hat in der vertraulichen Sitzung dem Jugendamt eine regelrechte Absolution erteilt: ohne vorherige Prüfung der Akten, ohne Anhörung der betroffenen Pflegeltern hat der Ausschuss mehrheitlich nach einseitiger Schilderung des „Sachverhaltes“ durch die Verwaltung dieser ein „stets am Kindeswohl orientiertes Verhalten“ bescheinigt. Mit Kenntnis der Pflegeeltern und des Sachverhaltes aus deren Schilderung erscheint uns diese Entscheidung vor dem Hintergrund, dass es hier um das Wohlergehen eines Kindes geht, außerordentlich zynisch.

In der Außendarstellung wird der Eindruck erweckt, es handle sich hier um einen besonderen Einzelfall besonders schwieriger Pflegeeltern. Dieser Darstellung widersprechen wir in aller Deutlichkeit. Es handelt sich hier keineswegs um einen besonderen Einzelfall. Viele der im Verein organisierten Pflegeeltern haben selbst ähnliche Erfahrungen mit Entscheidungen des Jugendamtes gemacht, die ausdrücklich nicht am Kindeswohl orientiert waren! Es waren eben solche Entscheidungen, die jahrelange Vernachlässigung des Pflegekinderwesens im Landkreis Harburg und die dauerhafte Mangelversorgung mit qualifiziertem Personal, die zur Gründung der Pflegeelterninitiative „PFEIL-Harburg“ geführt haben. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass jeder von uns leicht in eine ähnlich Situation geraten kann.

Wir rufen wie schon mit unserer Luftballon-Aktion alle Beteiligten in diesem Fall auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und sich wirklich für das Wohl des Kindes einzusetzen. Zu allererst gehört dazu ein Kontakt des Kindes zu seinen Pflegeeltern. Wir werden es nicht mit unserm Gewissen vereinbaren können in diesem Fall zu schweigen.